Allzuviel ist ungesund
1. Ja, weißt du, sagte er, das ist ja alles schön und gut,
man hat ja nichts dagegen, wenn einer Gutes tut.
Und Glauben ist ja auch nicht schlecht, schon wegen der Moral,
dass alles seine Ordnung hat – doch bleib nur hübsch normal.
Denn allzuviel ist ungesund, so sagte er sehr weise, und
dann gab er mir noch manchen guten Rat.
Und ich stand da und sagte was und wusste nur das eine, dass
mein Herr für mich nicht weniger als alles gab.
2. Und weißt du, sagte er, das gibt sich alles mit der Zeit.
Komm erst mal in mein Alter, dann bist du auch so weit.
Da reißt man keinen Baum mehr aus, ist nicht so extrem,
wird auch zum vielen Singen und Beten zu bequem.
Denn allzuviel ist ungesund, so sagte er sehr weise, und
dann gab er mir noch manchen guten Rat.
Und ich stand da und sagte was und wusste nur das eine, dass
mein Herr für mich nicht weniger als alles gab.
3. Er sprach von Fanatismus, von Bigotterie,
von drohenden Neurosen und wusste doch nicht, wie
mein Leben erst in Ordnung kam, als ich mich Gott verschrieb,
als ich auf seine Liebe nicht ohne Antwort blieb.
Denn Gottes Liebe ist so groß, so ewig und bedingungslos,
dass der, den sie erfasst, nicht anders kann,
als alles diesem Herrn zu geben, Geld und Ehre, Zeit und Leben,
und zu bitten: Herr, fang mit mir an!
4. Es wurde spät, ich musste gehen und gab ihm noch die Hand
und sagte ihm, wie gut ich ihn und seinen Rat verstand.
Und trotzdem sei es so, dass es bei Gott nichts Halbes gibt,
dass man ihn, wie sein Wort es sagt, ganz oder gar nicht liebt.
Denn Gottes Liebe ist so groß, so ewig und bedingungslos,
dass der, den sie erfasst, nicht anders kann,
als alles diesem Herrn zu geben, Geld und Ehre, Zeit und Leben,
und zu bitten: Herr, fang mit mir an!
von Manfred Siebald